Einsatz von Einrichment

In der Wildbahn sind Tiere tagtäglich herausgefordert und oftmals mit neuen Gegebenheiten konfrontiert. Es ist die Nahrungssuche, die bei vielen Arten lange Zeit in Anspruch nimmt und teilweise mit ausgedehnten Wanderungen verbunden ist. Dazu kommt bei vielen Wildtieren die Bedrohung durch Raubtiere und das Ausweichen und Entkommen vor deren Angriffen.  Die Lebensumstände von Wildtieren in ihrer angestammten Heimat sind also von vielen Reizen und Herausforderungen begleitet.
Die Welt der Tiere im Zoo sieht hingegen ganz anders aus; auf den ersten Blick weit besser als die Lebensbedingungen der wildlebenden Verwandten. Neben einer optimalen Ernährung und einer tierpflegerischen und tierärztlichen Versorgung leben die Tiere im Gehege ohne Angst vor Nahrungsknappheit, Krankheit oder Verfolgung. Aber diese “schöne und heile Welt“ der Zootiere hat auch ihre entscheidenden Nachteile.  Langeweile und zu wenig Abwechslung können unter Umständen zu Veränderungen im Verhalten führen, denen man in der modernen Zootierhaltung entgegenwirken will.
Behavioral Enrichment (Verhaltensanreicherung) ist kein Beiprogramm in der Arbeit zoologischer Gärten, sondern zu einem der wichtigsten Elemente in einer tier- und verhaltensgerechten Betreuung geworden. Es ist eine rasante Entwicklung bei diesen Beschäftigungsprogrammen für Zootiere zu beobachten. Die Ideen, mit denen ihr Leben abwechslungsreich und spannend gemacht werden sollen, sind schier unüberschaubar. Überall dort, wo Enrichment-Programme angewandt werden, ist eine Steigerung der Lebensqualität deutlich sichtbar. Von teuren Spielgeräten bis hin zum Papiersack, der mit Leckereien oder Duftstoffen versehen ist, vom Target-Training bis hin zu Dressur-Programmen mit Robben oder Elefanten, reicht die Palette der Möglichkeiten, Zootiere sinnvoll zu beschäftigen. Die Fütterung der Tiere hat sich im Rahmen von Behavioral Enrichment ebenso nachhaltig verändert. Viele Futtermittel werden heute nicht mehr nur in den Gehegen oder Anlagen ausgebracht, vielmehr sind die Tiere gefordert, mit Geschicklichkeit und Ausdauer ihren Hunger zu befriedigen. Spezielle Futterautomaten sind beispielsweise bei vielen Tierarten im Einsatz. Es erfordert deutlich mehr Zeit, mit oder ohne Hilfsmittel an das Futter heranzukommen und wie man gut beobachten kann, stellen sie sich diesen Aufgaben.
Darüber hinaus schaffen Interaktionen im Gehege durch die gemeinsame Haltung verschiedener Arten eine Bereicherung für die Zoobewohner. Aber auch die Anwesenheit der Tierpfleger in den Anlagen und Gehegen sind eine Abwechslung. Viele Zoos versuchen auch eine Interaktion von Tieren mit den Besuchern herzustellen. Begehbare Anlagen mit Bennett-Kängurus oder Roten Varis sind neuere Erfahrungen für eine Nähe zwischen Tieren und Besuchern. Durch erfolgreiche Enrichment-Programme im Ersatzlebensraum Zoo, in denen Verhaltensauffälligkeiten eher eine Ausnahme sind, wird zeitgleich die Akzeptanz der Zootierhaltung in der Öffentlichkeit gestärkt. Die Verhaltensanreicherung in den Gehegen wird von den meisten Zoobesuchern mit großem Interesse und Begeisterung wahrgenommen. Vielen Menschen wird dadurch bewusst, dass es den Tieren in menschlicher Obhut gut geht, dass sie ihre Verhaltensweisen und andere artspezifische Eigenschaften ausleben können und somit annähernd naturnahe Lebensbedingungen vorfinden. Die Verhaltensanreicherung im Gehege ist facettenreich und wird sich in der Zukunft noch weiter entwickeln.