Fragen & Antworten: Populationsmanagement in Nürnberg
Am Dienstag, 29. Juli, hat der Tiergarten Nürnberg 12 seiner Guinea-Paviane tierschutzgerecht in ihrer Anlage getötet. Die Entscheidung hierfür wurde in Abstimmung mit dem zuständigen Veterinäramt und dem Umweltamt der Stadt Nürnberg sowie der Koordinatorin des Erhaltungszuchtprogramms für Guinea-Paviane des Europäischen Verbands der Zoos und Aquarien (EAZA) getroffen.
Die Paviananlage im Tiergarten Nürnberg ist für 25 adulte Tiere plus Jungtiere ausgelegt. Mit 43 Tieren ist dort keine gute Haltung mehr möglich; auch wäre die Haltung nicht mehr genehmigungsfähig.
Nach gründlicher Prüfung möglicher Alternativen musste der Tiergarten Nürnberg zwischen dem Leben einzelner Tiere und der Erhaltung dieser Tierart entscheiden und hat gemäß seiner gesetzlich verankerten Aufgabe dem Tierwohl und Artenschutz Vorrang gegeben.
Populationsmanagement bezeichnet die gezielte Steuerung von Tierbeständen in Zoos, Tierparks oder Schutzprojekten. Ziel ist es, eine gesunde, stabile und genetisch vielfältige Tiergruppe zu erhalten - sowohl aus tierschützerischer als auch aus wissenschaftlicher Sicht.
Das Management umfasst zum Beispiel:
• die Größe und Zusammensetzung von Tiergruppen (Alter, Geschlechterverhältnis),
• die Entscheidung, welche Tiere miteinander vergesellschaftet oder getrennt werden,
• Zuchtplanung, um Inzucht zu vermeiden oder bedrohte Arten zu erhalten,
• sowie die Weitergabe von Tieren an andere Einrichtungen.
Populationsmanagement ist wichtig, um gesunde, stabile und sozial verträgliche Tiergruppen zu erhalten, Inzucht zu vermeiden, Überpopulation zu verhindern und so langfristig eine artgerechte Haltung sowie den Erhalt bedrohter Arten zu sichern.
Ein wirksames Populationsmanagement im Rahmen des EEP umfasst neben gezielter Zucht auch Maßnahmen zur Steuerung von Gruppenstrukturen, zur Gewährleistung sozialer Stabilität sowie zur Berücksichtigung verfügbarer Haltungskapazitäten. Sofern alternative Maßnahmen – wie Abgabe an geeignete Institutionen, Integration in andere Gruppen oder dauerhafte Trennung – aus fachlichen, veterinärmedizinischen oder verhaltensbiologischen Gründen nicht umsetzbar sind, können im Einzelfall auch tierschutzkonforme Tötungen Teil des Managements sein.
Der VdZ betrachtet die Tötung gesunder Tiere im Rahmen des Populationsmanagements als eine Maßnahme, die unter bestimmten Bedingungen notwendig und im Sinne des Tierschutzgesetzes vernünftig sein kann. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die langfristige Gesundheit und genetische Vielfalt einer Population gefährdet sind, wenn soziale Gruppenstrukturen nachhaltig gestört sind oder wenn Tiere dauerhaft unter Bedingungen leben müssten, die ihr Wohlbefinden beeinträchtigen.
Die EAZA, deren Position der VdZ ausdrücklich unterstützt, betont, dass zoologische Einrichtungen verpflichtet sind, die langfristige genetische und demographische Lebensfähigkeit der Populationen sicherzustellen. Daher kann es in Konfliktsituationen notwendig sein, dass Populationsziele und die Gesundheit der Gesamtpopulation Vorrang vor dem Leben einzelner Tiere haben.
In der aktuellen Situation um das Populationsmanagement bei den Guinea-Pavianen im Tiergarten Nürnberg informiert der VdZ als führende Vereinigung wissenschaftlich geleiteter Zoologischer Gärten mit Wirkungsschwerpunkt im deutschsprachigen Raum zu wissenschaftlichen und ethischen Grundlagen. Dabei vertritt der Verband keine Einzelzoos, sondern beleuchtet übergreifende Themen wie Populationsmanagement, Artenschutz und tierethische Abwägungen. Der VdZ vertritt diese Standards öffentlich und verdeutlicht, dass es sich nicht um isolierte Entscheidungen einzelner Zoos handelt, sondern um Teil eines wissenschaftlich begleiteten Artenschutzprozesses.
Zudem ordnet der Verband die Praxis des Populationsmanagements für Öffentlichkeit und Medien ein und vermittelt die Rolle zoologischer Einrichtungen im Artenschutz.
Aus Sicht des VdZ handelt es sich hierbei um eine komplexe Situation, die sich aus dem Zusammenspiel mehrerer struktureller Faktoren ergibt. Dazu zählen insbesondere gesetzliche Rahmenbedingungen, wie etwa die unklare rechtliche Anerkennung des Populationsmanagements, begrenzte Kapazitäten in zoologischen Einrichtungen europa- und weltweit sowie die biologischen und sozialen Besonderheiten der gehaltenen Tierarten. Der Tiergarten Nürnberg hat über lange Zeit aufgezeigt, dass er alle zumutbaren Maßnahmen unternommen hat, um die Situation anderweitig zu lösen. Aus Sicht des VdZ ist die Entscheidung daher nicht auf Versäumnisse oder Fehler des Tiergartens zurückzuführen, sondern eine im Zuge des Artenschutzes unvermeidbare Entwicklung, zu der es auch in Zukunft immer wieder kommen wird.
Die operativen Entscheidungen im Rahmen des internationalen Populationsmanagements liegen vollständig in der Verantwortung der einzelnen Zoologischen Gärten und unterliegen der jeweiligen nationalen Gesetzgebung und der Einordnung durch die zuständige Aufsichtsbehörde. Im Fall des Tiergartens Nürnberg sind das das Umweltamt sowie das Veterinäramt der Stadt Nürnberg. Darüber hinaus wurde im Falle der Guinea-Paviane die Koordinatorin des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms der EAZA miteinbezogen.
Die übergeordnete Koordination aller Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEPs) liegt bei der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA). Die EEP-Koordinator:innen übernehmen die genetische und demografische Planung innerhalb des jeweiligen Programms. Sie sprechen für jeden Halter Empfehlungen zur Haltung, Zucht oder möglichen Abgabe bzw. Tötung einzelner Tiere aus. Diese Empfehlungen sind fachlich fundiert, jedoch nicht bindend – die Verantwortung liegt stets bei der jeweiligen Einrichtung und unterliegt der gültigen nationalen bzw. EU-weiten Gesetzgebung.
Der VdZ nimmt keinen direkten Einfluss auf die Vermittlung oder Unterbringung einzelner Tiere; diese Verantwortung liegt ausschließlich bei den haltenden Zoos und wird in enger Abstimmung mit den Koordinatoren der Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP) wahrgenommen.
Der Verband vertritt eine gemeinsame, grundsätzliche Position zu Fragen des Populationsmanagements, die im Einklang mit den Standards der EAZA steht. Diese Position betont die Notwendigkeit wissenschaftlich fundierter, ethisch verantwortbarer und tierschutzgerechter Entscheidungen, lässt aber die konkrete Umsetzung und Entscheidung in Einzelfällen ausdrücklich bei den jeweiligen zoologischen Einrichtungen. Der VdZ respektiert und unterstützt die Entscheidungen des Tiergarten Nürnbergs, da schlussendlich nur auf diesem Wege das Tierwohl in der Gruppe gewährleistet werden konnte.
Der VdZ nimmt die Kritik und Proteste sehr ernst und sieht in ihnen einen Ausdruck der großen gesellschaftlichen Bedeutung zoologischer Einrichtungen. Wir beobachten genau, welche Argumente in der Öffentlichkeit vorgebracht werden, und verstehen, dass Maßnahmen des Populationsmanagements ethische Fragen aufwerfen, die viele Menschen emotional bewegen. Gleichzeitig sehen wir uns verpflichtet, auf Basis wissenschaftlicher Standards und gesetzlicher Vorgaben klar Stellung zu beziehen und die komplexen Hintergründe solcher Entscheidungen transparent zu erläutern.
Konkret reagiert der VdZ auf die Kritik, indem:
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aktiv Medienanfragen beantwortet und Hintergrundinformationen auf der Website bereitgestellt werden,
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über Interviews und Stellungnahmen die fachlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen deutlich kommuniziert werden,
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der Austausch mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Ethikkommissionen gesucht wird, um fachliche Entscheidungen nachvollziehbar zu machen.
Die Verantwortung für die unmittelbare Kommunikation zu konkreten Maßnahmen liegt bei der jeweils betroffenen zoologischen Einrichtung – in diesem Fall beim Tiergarten Nürnberg. Dieser informiert seit vielen Jahren transparent über die wachsende Gruppengröße der Guinea-Paviane sowie die damit verbundenen Herausforderungen und hat bereits im Februar 2024 im Umweltausschuss der Stadt Nürnberg eine mögliche Tötung der Tiere angesprochen. Die Entwicklung war somit weder plötzlich noch unbekannt – sie wurde wiederholt öffentlich und medial thematisiert. Der VdZ begleitet diese Kommunikation auf übergeordneter Ebene, insbesondere mit Blick auf die wissenschaftliche und ethische Einordnung von Populationsmanagement im Kontext des Artenschutzes.
Frühzeitige Proteste und Bedrohungen gegen unter anderem Mitarbeitende erforderten Schutzmaßnahmen, die den Kommunikationsverlauf in Bezug auf die Tötung beeinflussten. Der Tiergarten Nürnberg entschied in Abstimmung mit Behörden und unter Berücksichtigung der Sicherheitslage über den Zeitpunkt der Kommunikation. Für Details zur konkreten Kommunikationsplanung wenden Sie sich bitte an den Tiergarten Nürnberg.